Von der Töpferscheibe, die unfreiwillig bedeutsam wurde. Warum Museums- und Objektgeschichte nicht zu trennen sind
Gestell mit Töpferscheibe für einen Kriegsinvaliden
Sonnefeld, um 1950
Inventarnummern: GM05007 (Gestell), GM05008 (Töpferscheibe)

Abb. 1: Inventarfoto aus dem Jahr 1983. Es zeigt den ursprünglichen Zustand der Töpferscheibe mit ihrem Antrieb, der im Stehen zu bedienen ist. Foto: Bestand Sammlung Alte Schäferei, Inv. Nr. GM05007.
Arbeiten trotz Handicap
Integration und Inklusion – nicht erst heute sind diese beiden Begriffe Standard in Berufsleben, Bildung und Gesellschaft.
Das hier aufgestellte Gestell mit Töpferscheibe ist in ihrer aktuellen Form für den Fußbetrieb ausgelegt, allerdings nur einbeinig zu betreiben. Somit konnten auch zum Beispiel Kriegsheimkehrer, welche an der Front ihr Bein verloren hatten, wieder handwerkliche Arbeit verrichten.
Mit einfachsten Mitteln, wie etwa den Umbau dieses Sitzbockes, war es körperlich beeinträchtigen Menschen möglich, wieder am Arbeitsleben teilzunehmen. Arbeitskraft war gefragt: Die Betriebe litten in den 1940er und 1950er Jahren unter der Einberufung vieler Männer in das Militär, Gefallene und Kriegsgefangene hinterließen große Lücken in der Heimat.
Funktionsweise
Der Sitzbock des Gestells ist aus groben Vierkanthölzern gefertigt; einige Teile wurden erneuert. Die Sitzfläche ist eben gebrettert und hat eine Aussparung für ein Bein des Töpfers, welches unten das Schwungrad in Bewegung setzt und hält. Das Rad ist über eine Eisenachse mit einer runden Holzscheibe oben verbunden, auf welcher die Töpferware gedreht wurde.
Bei klassischen Töpferscheiben aus dieser Zeit, wie sie auch in dem großen Töpferei-Bestand der Alten Schäferei zu finden sind, sitzt der Töpfer rittlings auf einem mittigen Brett oder auf einer normalen Sitzbank. Er betreibt mit beiden Beinen die Schwungscheibe, welche den oberen Teller in Drehung versetzt. Durch schnelleres oder langsameres Treten bzw. „Laufen“ auf der Scheibe steuerte er die Geschwindigkeit des Drehtellers.
Heute ersetzt meist ein elektrisches Fußpedal das mechanische „Anschubsen“ des Schwungrades; moderne Töpferscheiben sind also automatisch einbeinig und im Sitzen zu betreiben.
Umbau und Anpassung im Wandel der Zeit
Doch ältere Inventarfotos zeigen, dass das Gestell mit der Töpferscheibe ursprünglich mit einer anderen Töpferscheibe bestückt war (vgl. Abbildung 1). Die Drehscheibe hatte unten statt einem hölzernen Vollholz-Schwungrad eines aus Eisen mit gebogenen Speichen. Vermutlich wurde dieses aus einem landwirtschaftlichen Gerät, etwa einem Futterschneider, wiederverwendet.
Also auch für einen Kriegsinvaliden, nur anders?
Das eiserne Rad konnte über einen längeren hölzernen Fußhebel (Pleuel) von dem hinter dem senkrecht verlaufenen Brett stehenden Töpfer in Bewegung gebracht werden. Er schob dabei den Hebel mit seinem Fuß rhythmisch vorwärts (vgl. Abbildungen 2-4). Eine mittige Windenübersetzung in der Eisenachse bewirkte, dass sich die Drehscheibe komplett herumdrehte und durch einen weiteren Schub mit dem Fuß weiter in Bewegung gehalten werden konnte. Das Gegenstück des Hebels zur Lagerung der Schwungscheibe stand über den unteren umlaufenden Holzrahmen hinaus, sodass vorne eine Einkerbung in den Querbalken eingefügt wurde. In der aktuellen Form für den sitzenden Töpfer ist diese Einkerbung nutzlos, erinnert aber an die vorherige Antriebsform. Dort musste der Töpfer beide Beine verwenden: eines zum Stehen, eines zum Betrieb der Scheibe. Die Handhabe lässt die Vermutung zu, dass es sich ebenfalls um einen Kriegsinvaliden handelte, der seine Arbeit allerdings nicht im Sitzen verrichten konnte.

Abb. 2: Skizze von Robert Reiter im Inventarbuch von 1979, S. 166, bei der Übernahme des Objektes in die Sammlung. Sie zeigt den hinter dem Bock stehenden Töpfer, der auf einem Bein steht und mit dem anderen das Pleuel betreibt, welches die Drehscheibe in Bewegung versetzt. Foto: Johanna Fendl M.A., Mai 2026.

Abb. 3: Skizze von Robert Reiter im Inventarbuch von 1979, S. 166, bei der Übernahme des Objektes in die Sammlung. Sie zeigt die Töpferscheibe und ihren Antrieb, sowie die Beinstellung des Töpfers: eines steht, eines betreibt das Pleuel. Foto: Johanna Fendl M.A., Mai 2026.

Abb. 4: Skizze von Robert Reiter im Inventarbuch von 1979, S. 166, bei der Übernahme des Objektes in die Sammlung. Sie zeigt die Bewegungsrichtung des Pleuels sowie die mittige Windenübersetzung, die die Drehscheibe durch das Pleuel um 360 Grad drehbar machte. Foto: Johanna Fendl M.A., Mai 2026.
Intensive Recherchen, neue Fragen
Die Recherchen zu der umgebauten Töpferscheibe erwiesen sich als spannend. Auf dem ursprünglichen Inventarfoto des Museums ist die Antriebstechnik bei der Übernahme in den Sammlungsbestand deutlich zu erkennen. Nachforschungen in den handschriftlichen (und für das Museum unglaublich wertvollen) Aufzeichnungen des Museumsgründers Robert Reiter, Haarth / Untersiemau ließen die Schlussfolgerung zu, dass der Umbau des Töpfergestells erst hier im Museum erfolgte, also nach der Aufnahme in den Bestand. Doch warum?
Die Geschichte des Objektes im Museum
Im Jahr 1979 erhielt das Gerätemuseum ein Konvolut von Objekten aus der Töpferei Hummel in Sonnefeld. Inventarnummern bekamen die Gegenstände damals noch nicht, erst ein paar Jahre später wurde ein Nummerierungssystem eingeführt. Das Töpfergestell mit der Inventarnummer GM05007 erhielt erst 1983 einen Eintrag in die Kartei. Die Vermutung liegt nahe, dass Einzelteile wie z.B. das Pleuel bei der Einlagerung vom Objekt getrennt wurden. Der Vermerk auf dem Inventaranhänger „für einen Kriegsinvaliden“ irritierte nun wahrscheinlich, weil ohne die Skizzen des Gründers und ohne die Einzelteile eine Rekonstruktion des Antriebs nicht mehr nachzuvollziehen war. Man setzte also durch einen leichten Umbau des Bockes und den Einbau einer traditionellen Töpferscheibe aus dem Bestand (Inv. Nr. GM05008) die „Kriegsinvalidentauglichkeit“ um. So wandelte sich der Betrieb aus dem reinen Stehen in den des reinen Sitzens um – die Töpferscheibe behielt ihren Zweck, verlor aber ihre eigentliche Funktionsweise. Erst die genaueren Recherchen brachten den ursprünglichen Zustand von Gestell und Scheibe wieder zum Vorschein.
Ein Plädoyer für Recherchezeit
Das Objekt vor sich, eine wenig aussagende Karteikarte, ein kurzer Eintrag in der Datenbank und das handschriftliche, nicht digitalisierte Inventarbuch des Museumsgründers. Die Quellen für die Recherchen halten sich in Grenzen, sind aber spannend ohne Ende. Wie unterscheidet sich der Betrieb einer konventionellen Töpferscheibe von der, die vor einem steht? Und wie wurde die Scheibe betrieben, als sie ins Museum kam? Warum wurde sie umgebaut? Mühsam fügt sich ein Puzzleteil zum nächsten, nicht alle Fragen können beantwortet werden. Die Museumgeschichte verknüpft sich mit der Objektgeschichte. Beide gehören untrennbar zusammen. Und sie sind es wert, erforscht zu werden. Auch, wenn es Zeit braucht, die niemand hat.
Johanna Fendl M.A.
13.05.2026
